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Wie die Antike wiederentdeckt ...

... und die Welt neu wurde. Ein Blick auf die Anfänge der Renaissance.

Veröffentlicht am: 27. Mai 2024

Die Renaissance: Eine Zuwendung zur klassischen Antike mit Ehrerbietung und glühender Liebe, aber ohne Kontaktscheu ... .
Tobias Roth, Autor & Renaissance-Experte

Damit Antiken in der Re-naissance wieder-geboren werden können, muss mindestens zweierlei geschehen: Sie müssen untergehen und sterben; und jemand muss diesen Untergang als negativ erleben und beheben wollen.

Epochen haben nie scharfe Grenzen: Je nach dem, in welchen Bereich der Gesellschaft man blickt, drängen sich andere Ereignisse oder Jahreszahlen in der Vordergrund. Ein guter Anhaltspunkt für den Beginn der Renaissance aber bietet die Erfindung des Mittelalters - als jener dunklen und feucht-kalten Episode, die sich zwischen die Antike und die Gegenwart der ersten Humanisten geschoben hat. Die Ablehnung dieser Gegenwart, die ab Mitte des 14. Jahrhunderts immer lauter wird, ist ein wichtiger Faktor für die Wiederentdeckung der Antike, dieses „Golfstroms der Kultur" (Gregorovius).

Untergang der Antiken

Begeisterung & Verlust

© Rupert Pessl

Die Begeisterung für die griechisch-römische Antike hat literarische, poetische, künstlerische Gründe, aber ebenso politische und praktische: Die Römer haben die damals bekannte Welt beherrscht, ebenso die Natur. Von den riesenhaften Gewölben und Wasserleitungen, von den Handelsnetzen, den organisatorischen, militärischen oder medizinischen Fähigkeiten sind nur Ruinen und Legenden übrig: Das Weltreich ist verschwunden und sein know how auch. 

All das ist in der Zwischenzeit systematischer Verfolgung und Zerstörung ausgesetzt gewesen. Heidnische Texte und Techniken, Statuen und Tempel werden von frühen Christen und germanischen Barbaren mal mehr und mal weniger gezielt vernichtet. Die Verluste sind erheblich: Im 3. Jahrhundert hat die Stadt Rom eine Million Einwohner und verfügt über 28 öffentliche Bibliotheken; gut tausend Jahre später, als die Renaissance langsam dämmert, hat Rom kaum mehr 20.000 Einwohner - nicht einmal die Hälfte dessen, was ins Kolosseum passt. Selbst ein wichtiger Dichter wie Catull, ein Zeitgenosse Caesars, ist in nur einem einzigen Exemplar erhalten.

Die Renaissance ist die Wertschätzung der Bildung, die sich in einer Gegenwart erprobt.
Tobias Roth, Autor & Renaissance-Experte
Altes neu lesen

Kontinuitäten & Verwandlungen

© Rupert Pessl

Rom ist ein Ruinenfeld: Das Gebiet, das von der spätantiken Stadtmauer umschlossen wird, ist zu mehr als drei Vierteln leer. Manche Texte aber sind nie verschwunden. Das betrifft vor allem die Schullektüre, Texte, mit denen man in mittelalterlichen Klöstern Lesen und Schreiben lernt, die zur rhetorischen oder juristischen Ausbildung gehören; zu nennen sind etwa Vergil, Cicero oder Ovid. Das sind, wie Francesco Petrarca (1304-1374) sagt, die Stecklinge, aus denen der vernichtete Lorbeerbaum antiker Kultur neu austreiben kann.

Aber diese Werke haben sich verwandelt, wurden umgedeutet, in ein christliches Korsett gepresst, entschärft, verfälscht. Auch deshalb lautet der Ruf der Renaissance: Zu den Quellen! Die Texte der Alten sollen nicht nur wieder in Gänze und im Original gelesen werden, sie sollen neu gelesen werden: ohne Autorität und Lehrmeister. Die Dichter und Gelehrten wollen wieder selbst lesen, selbst denken, selbst mitreden.

Bücherjagden, Bücherfunde

Im frühen 15. Jahrhundert beginnen Gelehrte, systematisch nach antiken Texten in mittelalterlichen Abschriften zu suchen. Fündig werden sie vor allem in Norditalien, in der Schweiz, am Rhein entlang bis Köln. Sie finden vieles, das sie schon verloren glaubten, sie finden wichtige Varianten und Fragmente, das Puzzle setzt sich mehr und mehr zusammen. 

Aber sie finden auch Dinge, die sie nicht erwartet haben und die nicht ins frühe 15. Jahrhundert passen: Republikanisch-demokratische Gedanken, respektlose Satiren, Berichte von Ausschweifung und Selbstaussprachen über persönliche Fehler, derb unanständige Lyrik, Philosophien ohne Gott, alles erfüllt von dem, was inzwischen "Sünde" heißt. Die Begeisterung für die Antike ist aber bereits so stark, dass auch jugendgefährdenden Inhalte nicht nur toleriert, sondern gefeiert werden: Der Raum des Denk- und Sagbaren wächst und nimmt eine neue Gestalt an. Humanismus ist die Erschließung einer fremd gewordenen Kultur. 

Wer sind die frühen Humanisten?

Das Studium der antiken Texte bekommt den Namen studia humanitatis, "Studien der Menschlichkeit", weil diese Bildung eher mit irdisch-menschlichen, als mit himmlisch-göttlichen Angelegenheiten beschäftigt ist. Ihre Anhänger nennt man seither Humanisten

Diese Geistesarbeiter kommen weder von ganz oben, noch von ganz unten in der Gesellschaft. Zumeist sind ihre Eltern bereits alphabetisiert, die Väter oft Schreiber oder Notare (kein so nobler Beruf wie heute!). Sie arbeiten in der Kommunalverwaltung, als Hauslehrer oder Hausgeistliche, zuweilen auch an den (eher mittelalterlich geprägten) Universitäten, sie sind Politberater, Diplomaten, manchmal Kaufleute, die bereits etwas Freizeit zum Lesen haben, seltener auch Adlige, die keine Lust auf Militär haben. 

Bildung ist eine Aufstiegschance: Zahlreiche Humanisten stammen aus einfachen Verhältnissen und landen schließlich an der Spitze der Verwaltung oder am Hof eines Fürsten. Und diesen Fürsten trichtern sie die Feier der Antike regelrecht ein: Jeder noch so kleine Markgraf wäre gern Julius Caesar, also finden die Ratgeber Gehör, die sich mit Caesar und seiner Zeit besonders gut auskennen.

Textarbeit: Philologie und Poesie

Den aus Klosterbibliotheken geretteten Texten geht es wie den Statuen, die nun immer häufiger in den Baugruben auftauchen: Sie müssen gesäubert, repariert und ergänzt werden. Der Beruf des Philologen oder Literaturwissenschaftlers, der so wieder und neu entsteht, und der Beruf des Literaten und Dichters sind noch nicht voneinander getrennt. 

Auch im Kerngeschäft der Renaissance, der Nachahmung der Antike, steckt von Anfang an ein erheblicher Anteil Eigenleistung. Eigene Phantasie, eigener Geschmack, eigener Stil werden immer wichtiger. Genau deshalb wird diese Antike zu einem so starken kulturellen Motor: Neben der hingebungsvollen Nachahmung (imitatio) steht immer auch der Wunsch, in Wettstreit und freundschaftliches Kräftemessen mit der Antike zu treten (aemulatio). Kritisches, selbstständiges Denken ist dafür unerlässlich, das Ziel der humanistischen Bewegung ist die Bildung der und des Einzelnen. 

Ausdruck dieser Bildung und zugleich Ziel der Menschwerdung ist die Schönheit. Schönheit des Handelns und des Denkens, der Künste und der Gebrauchsgegenstände, und vor allem Schönheit der Sprache. Das bedeutet in der Renaissance eine klare, verständliche, gradlinige, ehrliche und bei Bedarf auch ungestüm expressive Sprache, ein an der Antike orientiertes Stilideal. Ein niederträchtiger, ungerechter Gedanke wird durch Wortgeklingel nicht besser, aber ein edler, gebildeter Gedanke darf auf das schönste Wortgewand Anspruch machen.

Der frühe Buchdruck

Der kulturelle Aufschwung erzeugt eine ungeheure Nachfrage nach Büchern und darauf antwortet eine der wichtigsten Erfindungen Alteuropas: der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Die von Johannes Gutenberg (ca.1400-1468) im Laufe der 1450er-Jahre entwickelte Technik breitet sich rasend schnell aus und wird in Italien vervollkommnet. Es ist eine Revolution, ein schlagartiger Wandel, der alle Bereiche des Wissens und der Welt verändert. 

Als Cosimo de' Medici (1389-1464) um 1440 den Grundstock der öffentlichen Bibliothek von Florenz legt, engagiert er eine Truppe Schreiber: 45 Mann stellen in 22 Monaten 200 Bücher fertig. Die Pioniere Konrad Sweynheym und Arnold Pannartz (beide ca. 1476 gestorben) bedrucken in ihrer römischen Werkstatt Mitte der 1470er-Jahre mit ihrem Team und drei Druckerpressen 5.000 Seiten - täglich. 

Mithilfe des gedruckten Buches verbreitet sich die Kultur und Geisteshaltung des Humanismus so schnell, so weit und so gründlich wie keine Avantgarde je zuvor. Mithilfe des gedruckten Buches überdauert der Humanismus auch, entwickelt sich von einer Avantgarde zu einer Normalität und gebiert ein neues Europa, eine moderne Welt.

Von der Renaissance lernen wir, wie man eine andere Tradition in Gebrauch nimmt, kritisch & skeptisch überprüft, spielerisch anverwandelt & zu etwas Neuem macht.
Tobias Roth

Aus alt macht neu

© Rupert Pessl

Leidenschaftliche und langanhaltende Debatten entspinnen sich, was, wer und wie nachgeahmt werden soll; am Ende führen sie zu dem, was wir heute Gymnasiallehrplan nennen. Es genügt nicht, die für ihre Schöpferkraft und Originalität verehrte Antike einfach nur so gut es geht nachzumachen. Der Mantuaner Dichter und Diplomat Baldassarre Castiglione (1478-1529) bringt es in seinem Buch vom Hofmann (1528) auf den paradoxen Punkt: „Wenn wir die Alten nachahmen wollen, dürfen wir sie nicht nachahmen." 

In der Literatur entstehen Werke, die von kultureller, bis in die Antike reichende Kontinuität und taufrischer Neuheit zugleich nur so strahlen. Der Arzt und Dichter Girolamo Fracastoro (ca.1477-1553) etwa beschreibt die Entdeckungsreisen eines Kolumbus wie die Irrfahrten der antiken Helden Odysseus oder Aeneas - und stattet so nicht zuletzt mittelalterliche Menschen mit antikem Selbstbewusstsein aus. Dieses Werk Fracastoros ist zudem ein gutes Beispiel dafür, dass in der Renaissance nicht nur Europäer über den amerikanischen Kontinent herfallen, sondern auch die neue Welt zurück in die alte schwappt: Das Werk heißt Syphilis und leiht der Geschlechtskrankheit, die sich nach Kolumbus' Rückkehr in Europa ausbreitet, bis heute seinen Namen. Die Renaissance ist nicht nur voll von neuen Gedanken, sondern auch voll von neuen Dingen.

Und dann bleibt es

Bei allen Katastrophen, die die europäische Geschichte seit und auch wegen der Renaissance heftig und häufig beutelten, ist doch nichts mehr geschehen, was dem Untergang der antiken Zivilisation gleichgekommen wäre. Es gab seit dem Humanismus kein extinction level event des Wissens mehr. Die punktuellen und flächendeckenden Bücherverbote etwa, die ab Mitte des 16. Jahrhunderts versuchen, die knallbunte Vielfalt der antiken und modernen Literatur einzudämmen, können die Entwicklung zwar bremsen, aber nicht aufhalten. 

Dass ich schreiben kann und dass Du lesen kannst, dass Museen zu unserer Welt gehören und dass wir sie auch betreten dürfen, dass du keine panische Angst mehr vor der Hölle hast, wenn Du dir zwei nackte Männer aus Bronze anschaust, sondern Dich an der künstlerischen Darstellung von Herkules und Antäus erfreust, all das haben wir auch der Renaissance und ihrer Wiederentdeckung der Antike zu verdanken.

Die Geschichte der Renaissance hält eine ganze Reihe von Ermunterungen von größtem Wert für uns bereit.
Tobias Roth, Autor & Renaissance-Experte
© Schallaburg / Maren Waffenschmid

Tobias Roth & die Schallaburg

Wir wurden auf den Autor des Buches Welt der Renaissance unter anderem während der Recherche für unsere heurige Ausstellung RENAISSANCE einst, jetzt & hier aufmerksam. In mehreren Workshops erarbeitete er mit dem Schallaburg-Team die Gegenwartsbezüge zwischen Renaissance & Heute und verhalf uns zu tieferen Einblicken in die Literaturwelt von Antike & Renaissance.

Werfen Sie einen Blick in Tobias Bücher und lernen Sie die Renaissance noch mehr kennen.

© Gruppe Gut
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