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Delfine für die Schallaburg

450 Jahre Terrakotta-Pflege erzählt Restaurierungsgeschichte, die über Wettereinflüsse und Experiemente zu einer Sensation führt.
Redaktion & Blogtext: Maren Waffenschmid; Film & Schnitt: GemeindeTV / Angelina Riedl

Veröffentlicht am: 15. April 2024

Am 4. April 2023 war es nach ca. 450 Jahren wieder soweit: Erstmals nach den 1570er Jahren wurde ein auf der Schallaburg gebranntes Terrakotta-Relief im Großen Arkadenhof der Schallaburg angebracht. Zudem war dies eine eins zu eins Reproduktion eines Elements aus der Renaissance – eine doppelte Sensation! 

Begleiten Sie im Video den historischen Moment, als das Delfin-Relief aus Gips (1906) wieder mit echten Terrakotta-Elementen ersetzt wird. Weshalb die changierende Farbgebung und leicht „verbrannte Stellen" dieses so besonders und wertvoll für die Denkmalpflege auf der Schallaburg machen, erzählt Ihnen Restaurator Sepp Uiberlacher im Video.

Sensationell:

Wiederentdecktes Wissen

...auf der Schallaburg

Weshalb so ein Austausch eine Sensation ist? Lassen Sie mich ein wenig erzählen:

Ein Schloss und besonders ein Kulturjuwel wie der Bild- und Statuenreiche Große Arkadenhof der Schallaburg, das über 450 Jahre besteht, braucht nicht erst heute Pflege, Renovierung und Sanierung. Auch wenn die einzigartige Technik des langsamen Terrakotta-Brennens bei über 1100 Grad Celsius (Sinter-Brand) die Terrakotta-Elemente wasserdicht und steinhart macht, können die Figuren und Elemente im Außenbereich Schaden nehmen. Denken Sie nur an Vögel, Unwetter und starke Temperaturschwankungen. 

Deshalb müssen manche Figuren bei zu starker Beschädigung ausgetauscht werden – vor allem, da sie im Arkadenhof der Schallaburg oft tragende Bestandteile der Arkadenbögen sind. Würden sie jedoch einfach durch andere Dinge ersetzt, würde die wundervolle Atmosphäre des Schlosshofes verloren gehen.

1906 bis 1908

Renovierungen damals

Durch Untersuchungen wissen wir, dass 1906/1908 der große Arkadenhof und insbesondere einige Terrakotten renoviert, erneuert und manche sogar ausgetauscht wurden. Es gibt übrigens 2 Techniken, Terrakotta-Elemente zu fertigen:

  1. Negativ-Formen nutzen: Besonders mit der Industrialisierung war diese Technik sehr beliebt. Sie bracht nicht nur Zeitersparnis und konnte nach Herstellung der Form Personen unabhängig erfolgen, auch die Massenproduktion wurde dadurch möglich.
  2. Kunstvolles Modellieren von Hand: Vor allem die Statuen, Köpfe, Bilder und kreativ gestalteten Schlusssteine zeugen von dieser Handwerkstechnik, die auf der Schallaburg genutzt wurde.

Auch für die Figuren, die komplett erneuert wurden, hat man damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf ein antikes Bildprogramm zurückgegriffen. Doch wurden Sie neu modelliert und gestaltet. Diese Figuren sind besonders von den fließenden Linien des Jugendstils geprägt. Vergleicht man sie mit den Figuren aus der Renaissance, fallen die Unterschiede deutlich auf.

2 rote Terrakotta-Figuren in Nahaufnahme: Nummer 1 zeigt eine Darstellung der Caritas mit 3 Kindern auf den Armen; Nummer 2 einen bärtigen Mann mit Sanduhr (Chronos)
Renaissance trifft Jugendstil © Rupert Pessl
Kein Juwel ohne

Herausforderungen

Auch bei einer Neugestaltung, wie wir sie von mindestens 3 Figuren von der Schallaburg kennen, brachte diese Handwerkskunst Herausforderungen. Denn die aufwendig gestalteten Figuren benötigen ein fachgerechtes Trocknen über mehrere Monate hinweg, damit die Statuen nicht schon vor dem Brennen Risse bekommen. Auch das Brennen sollen sie ohne Sprung überstehen, doch das ist eine andere Geschichte.

Und wie verhielt es sich mit Elementen, die eins zu eins nachproduziert werden sollten? Nimmt man eine Negativ-Form einer bestehenden Figur oder eines Reliefs – wie im Fall der Delfine – um das Element eins zu eins zu ersetzen, erwartet einen nach dem Brennen im Ofen eine Überraschung: Das fertige Terrakotta-Stück ist um bis zu 20% kleiner!

Wie kann das sein? Und wie gelang es 2023, die Delfine trotzdem zu ersetzen? Wie es zum Materialschwund beim Trocknungs- und Brennprozess kommt, verrät Ihnen Sepp Überlacher in der Miniserie „Terrakotta wie damals"!

Überholte Lösungen

Versuche für einen Terrakotta-Ersatz

Auch bei der Renovierung der Familie Tinti in den Jahren 1906 bis 1908 wollte man bestimmte Bilder erhalten. Aus diesem Grund griffen die Restauratoren dieser Zeit auf ein anderes Material zurück: Gips. Aus heutiger Sicht besonders für den Außenbereich eine sehr gewagte Wahl: Durch die Luftfeuchtigkeit wird das Werk porös, die später noch zusätzlich aufgetragene rote Dispersionsfarbe förderte die Schimmelbildung und so war es nun höchste Zeit, die Delfine abzunehmen und durch gebrannte Terrakotta zu ersetzen.

Übrigens: Auch bei späteren Renovierungsarbeiten wurden andere Materialien verwendet, die Terrakotta zwar ähneln, jedoch nie mit den Originalen der Schallaburg zu einer 100%iger Übereinstimmung führten.

Neue Ansätze für das Kulturjuwel

Erforschung alter Techniken

Auf der Schallaburg wird seit der Revitalisierung der Schloss-Burg in den 1970ern ausführlich geforscht: Über die Bausubstanz, die baulichen Veränderungen aber auch über die Bautechniken von einst. Dabei konnten schon viele interessante Spuren aus unserer Geschichte entdeckt werden.

Während den Untersuchungen 1969 bis 1974 fand man beispielsweise auch über die Terrakotta auf der Schallaburg erstaunliches heraus, wie der Zeitzeuge Gerhard Flossmann unlängst in einem Gespräch für das Team der Kulturvermittlung berichtete: Der Ort, von welchem der Ton für die Terrakotta stammt, befindet sich gleich um die Ecke und auch die Reste des Ofens haben die Wissenschaftler damals im Keller der Schallaburg entdeckt. 

Doch auf was genau beim Brennen zu achten ist, welche Risiken es beherbergt und welches Wissen dies bedarf – das fand Sepp Uiberlacher während seinen aufwendigen praktischen Forschungen seit 2011 heraus.

Sie führten schließlich dazu, dass die Delfine heute wieder in original auf der Schallaburg gebrannter Terrakotta ganz oben unter dem Dach über dem Eingang zum Restaurant auf Sie warten. Starten Sie jetzt das Video und begleiten Sie die sensationelle Denkmalpflege-Arbeit auf ihrem letzten Schritt.

Sie interessiert, was es mit diesem Motiv der Delfine auf sich hat? Lesen Sie nach dem Video weiter!

Neue Lösungen & erste Erfolge

Eine Sensation nach 450 Jahren

© Gemeinde TV

Was suchen Delfine auf der Schallaburg?

Klar, auch heute sind Delfine immer noch im Trend: Doch wie kamen sie im 16. Jahrhundert auf die Schallaburg und wofür stehen sie?

Wiederentdeckt:

Antike Vorbilder

Mit dem beginnenden Humanismus, der zunehmenden Fokussierung auf Bildung und der Rückbesinnung auf antike Vorbilder wurden auch viele Motive aus dem antiken Griechenland und Rom wiederentdeckt. Sie fanden als Ausdruck von Gelehrsamkeit und Wissen ihren Weg in kunstvoll geschmückten Schlössern und zeugten von einem erlesenen Geschmack des Erbauers. Ob Musen, Tugenden oder heroische Legenden - die Bilder des Großen Arkadenhofs repräsentieren, wie sich Hans Wilhelm von Losenstein sah oder zumindest zeigen wollte!

Götter & Heroen

Delfine in der Mythologie

Sie waren wichtig für die griechischen Götter und damit auch für die Menschen. Noch heute ist das Sternbild des Delphins – eine Raute am sommerlichen Sternenhimmel – als eines der klassischen 48 Sternbilder bekannt, die von Ptolemäus erwähnt wurden. Der Mythos dazu ist, wie so oft, nicht eindeutig überliefert. 

Doch auch die Geschichte von Apollons Orakel in Delfi ist eng mit Delphinen verknüpft: Angeblich kämpfte der Gott darum, das Orakel der Urgottheit Gaia durch sein eigenes zu ersetzen. Delphyne – eine Gestalt halb Schlange, halb Frau – trat ihm im Kampf gegenüber, wurde jedoch vom jüngeren Gott besiegt. Er übernahm daraufhin die delfinischen Eigenschaften. 

Übrigens befindet sich das Delfin-Relief im Großen Arkadenhof in der vertikalen Achse über den dort dargestellten Musen. Zufall?

Die Könige des Meerestiere gelten als klug, intelligent, schön, stark. Sie sind – besonders auch in der späteren römischen Überlieferung – Menschenfreundlich und lebensfreudig. Außerdem stehen sie für Harmonie, Freiheit, Freude, Loyalität, Liebe und sie lieben Musik. Nicht verwunderlich, dass Hans Wilhelm von Losenstein sie in seinem ideellen Bildprogramm im Großen Arkadenhof verewigt sehen wollte, oder?

Arkadengang mit den roten Terrakotta-Figuren, Köpfen und Reliefs direkt unter dem Dach der Schallaburg.
Delfine-Relief unter dem Dach in nächster Nähe zu Apollons Musen © Rupert Pessl
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